Meine Texte
Mein Lyrikbändchen
in neuer Auflage!
www.epubli.com
ISBN 9783819767371 (Hardcover)
ISBN 9783819767395 (Taschenbuch)
56 Seiten
Sommerfarbenklang
Im Lichtspiel des Gartens
Atmet es Farben ein und aus
Der Vogel im Gras
Singt im beginnenden Licht
Oder war es bei Sonnenuntergang
Vergessen ist keine Freude
Blühen ahnt Vergänglichkeit
Schaukelte ich nicht gerade
Füße streichen über frische Halme
Der Baum raschelt
Im Wind klingen Rufe
Der kleine Laubsänger
Mit schlichtem Federgewand
Sommerfarbenklang
sonja maibach
Clown in Pastellkreide, Peter Urmetzer (1968)
Alles zum Greifen nah
Alles zum Greifen nah
Es liegt dir vor den Füßen
Was liegt in deiner Hand?
Freude und Schmerz
Krieg und Frieden
Liebe, was du hast
Lebe, was in dir lebt
sonja maibach
Antilopen
Wenn es gut geht
Werden Antilopen springen
Feuerfunken sprühen hoch, so hoch!
Die Gesichter hell
Der Mond so nah
Er lacht
Körper warm vom Sonnenstrand
Und Du, so schön
Greif‘ nach meiner Hand
Zeitenloses Fühlen
Atmet tief und tiefer
Linien in den Sand
Ziehen alterschöne Finger
Satzspuren folgen dem Feuerschein
Alles Glück will sein
Und ich springe, tanze, kreise
Tauche wortlos
In das Leben ein
sonja maibach
Luft und Liebe
Luft
Und Leichtsinn
Lieben sich
Leben in Lust
Verwandelt mich
Lachen und Labern
Leicht und lustig
Liebe Dich
Liebe Mich
Luftig
sonja maibach
Ohne Leichtigkeit ist alles nichts
die höchste Kunst ist:
etwas zu tun
ohne Sinngedanken
mein Schreiben ist frei
Wörter fließen auf das Blatt
wie Wasser aus vollen Kelchen
Gedanken strömen, schweben dahin
Schreiben ist Resonanz
geführte Zwiesprache mit mir
Schreiben ist Liebe
Liebe zu mir
Liebe mit
Stift
und
Papier
sonja maibach
Paula in Dresden
oder Fragen an das Leben
Was hätte sie darum gegeben, mehr Zeit zu haben. Das Albertinum war heute geöffnet und bot Gelegenheit, Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch zu sehen, bevor sie die Heimreise antrat. Die Fahnen mit den Selbstporträts flatterten vor dem blühenden Magnolienbaum. Ein trüber Himmel umspannte Dresden an diesem Morgen. Der Titel der Ausstellung hieß: "Die großen Fragen des Lebens“ und wurde gemeinsam mit dem Munch Museum Oslo durchgeführt. Die Elbe lag wie ein Strahl gemischter Ölfarbe in dunklen Tönen, die Wiesen waren schlammig. Die Ausstellung öffnete um 11 Uhr —nicht wie erhofft um 10 Uhr. Ihr blieb nicht genug Zeit für einen Besuch. Und trotz der Tatsache, dass es noch geschlossen war, ließ sie es sich nicht nehmen, die bronzenen Türknäufe des Albertinums zu bewegen. "Sie sind zu früh, aber ich mache eine Ausnahme und lasse sie hinein, sie sehen so aus, als ob sie große Fragen an das Leben hätten.“ Nur ein Wunschgedanke, niemand sagte diesen Satz. Der Drang verstärkte sich, die Werke der Frau zu sehen, deren 150. Geburtstag den Anlass zur großen Ausstellung gab. In Dresden, in der ruhigen Landschaft in Worpswede oder im lebhaften Paris —Paula schenkte der Kunst ihr ganzes Leben, ehe sie mit 31 Jahren im Wochenbett verstarb. Nun, es half nichts, sie musste ihre Pläne ändern und kurzerhand beschloss sie, statt Paula die Gemäldegalerie im Zwinger zu besuchen. Pünktlich um 10 Uhr fand sie sich bei den weltbekannten Wandgemälden ein und betrachtete die Sixtinische Madonna. Sie las Passagen über die Biografie von Paula Modersohn-Becker, während sie eine Pause machte. So, als könne sie ihr nahe sein. Sie nahm die junge Künstlerin mit zu den alten Meistern, in denen es keine Meisterinnen gab. Zwei Teenager zoomten mit ihren Handys das Gemälde von Raffael, um nur die Engel am Bildrand zu fotografieren. „Kunst ist selektiv“, ging es ihr durch den Kopf. Sie genoss die Stille. Das Licht brach sich durch die Scheiben und leuchtete gleichsam aus den Werken heraus zu ihr. Als sie genug gesehen hatte, verließ sie den Zwinger und ließ die Eindrücke wirken. Es blieb noch Zeit für einen Kaffee und einen Imbiss, ehe sie das letzte Mal auf die berühmte Silhouette Dresdens blickte. Der Zug fuhr planmäßig.
Rückblickend dachte sie oft an die Ausstellung, die sie verpasst hatte. Sie ging der Spur von Paula und ihren Werken nach und nicht nur in der Betrachtung sehnte sie Antworten herbei. Denn in Europa und in der Welt tobte Krieg, Konflikte mit staatlicher Beteiligung erreichte den Höchststand seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Es sollte nicht enden, dass Menschen durch Gewalt und Krieg starben. Die Fragen führten sie weiter durch das Leben, sie verzweifelte oft daran.
„Leben“ – für Paula war dieser Begriff unmittelbar. Sie hätte länger leben sollen, dachte sie. Und gewiss hätte sie der Welt noch mehr gegeben. Aber sie hatte alles getan, was sie konnte. Und wenn es still war, meinte sie eine warme Stimme zu hören und einen Blick, der verstand. Als stünde Paula an der Türe und sagte zu ihr:
„Ich mache dir auf. Tritt’ herein — und schau´ wie schön das Leben ist.“
sonja maibach
Der letzte Gang
Noch einmal zum Bäcker mit dem Sohn. Er hält meine Hand, die Luft liegt schwer auf meinen Lungen. Ich möchte später die Tasche tragen. Auf dem Rückweg, ja, da werde ich sie tragen! Der Rückweg liegt noch weit vor uns, wir sind noch längst nicht am Ende. Das wird nicht gehen. Mit leichter Hand und festem Griff will ich sie halten, die Tasche. Ich würde es ihm so gern sagen. Stattdessen klammere ich mich an ihm fest. An ihm, dem Kind, an ihm halte ich mich. Die Füße wollen nicht, sagt man so schön. Es ist nicht schön! So bitter ist dieser Gang. Mein Sohn hat Geduld. Das schönste Geschenk für heute: seine Zeit, die er für mich aufbringt. Er geht ganz ruhig neben mir, als könne er dem Atem meiner Schritte folgen. Was sind wir früher gelaufen, gewandert und geradelt. Den Alpenpass, die Küstenwege, später lange Fahrradtouren. Zur Arbeit bin ich zu Fuß und beim Kegeln und Schwimmen war ich immer mit Inbrunst dabei. Die Beine sind lasch, sind wie taube Stäbe an meinen Leib gebunden. Es nützt nichts, ich gehe jetzt. Schritt für Schritt. Das Grau dieses Morgens umhüllt mich wie eine Wattewolke. Es umschließt uns beide. Es ist beinahe so, als gäbe es nichts anderes auf der Welt als diesen Weg. Der Gang, der immer kurz war, gibt sich nun als quälend lang zu erkennen — dieser Verräter. Ich gehe Stück für Stück. Heute, ja heute, gehe ich.
sonja maibach